Fragen und Antworten

Mit der flächendeckenden Mobilfunkstrahlung leben wir nun über zwei Jahrzehnte. Mit jeder neuen Generation steigen Bandbreite und Dynamik der Funksignale und damit auch deren biologische Einwirkungen. Die Praxiserfahrung zeigt, dass die Bevölkerung mehr oder weniger bewusst darunter leidet und teilweise besonders empfindlich reagiert. Es kommen immer mehr Fragen zu den Zusammenhängen auf. Zu den wichtigsten Fragen erhalten Sie hier Antworten.

Mobilfunk und Grenzwerte

Nein. – Bei uns gilt derselbe Immissionsgrenzwert wie in den meisten Ländern. Er gilt für die Summe sämtlicher Funksignale, die an einem Ort im Freien oder in Gebäuden empfangen werden.  Vor dieser Summenbelastung sowie generell im Freien sind wir nicht besser geschützt als Menschen im Ausland.

Zusätzlich hat die Schweiz einen Anlagegrenzwert. Er gilt im Gebäudeinnern und auf bestimmten Kinderspielplätzen1. Wie sein Name sagt, gilt er für die Strahlung einer einzigen Sendeanlage, d.h. die kumulierte Strahlung aller Funkantennen, die auf einem Mast oder einem Hausdach installiert sind. Er ist 10-mal tiefer als der Immissionsgrenzwert2. So wird denn auch öffentlich stets wiederholt, wir seien im Vergleich mit dem Ausland besser geschützt. Doch das ist eine Täuschung.

Gesundheitlich kommt es einzig auf die reale Strahlungsbelastung an. Diese ist in der Schweiz und im benachbarten Ausland etwa gleich hoch, wie ausländische Messreihen zeigen. Gerade auch in Gebäuden misst man hier wie dort etwa dieselben Strahlungswerte. Denn beim Durchdringen der Gebäudehülle wird die Antennenstrahlung abgeschwächt. Unser 10-mal tieferer Anlagegrenzwert, der max. 6 V/m beträgt, würde daher im Ausland ebenfalls eingehalten, wenn auch mit Ausnahmen. Frankreich beispielsweise kümmert sich seit 2015 um seine Sendemasten, die in nahen Gebäuden mehr als 6 V/m verursachen. Systematische Kontrollmessungen fanden solche Ausreisser bei 0,4% aller erfassten Sendeanlagen. Jahr für Jahr werden nun bei einigen tausend Anlagen solche Überschreitungen ("points atypiques") gesucht. Ziel der französischen Fachbehörde ist die Reduktion der Strahlung auf Werte unter 6 V/m, wo möglich sogar auf 1 V/m, obwohl der gesetzliche Grenzwert 61 V/m beträgt! – Als weiteres Beispiel sei die WHO genannt. Sie gibt auf ihrer Webseite für Mobilfunksender eine "typische maximale öffentliche Exposition" von 6 V/m an. 

Fazit: Wir sind nicht besser vor Antennenstrahlung geschützt als die Menschen in den meisten anderen Ländern. 

1 nicht auf allen, sondern nur auf raumplanungsrechtlich festgesetzten Kinderspielplätzen
2 Bezogen auf V/m ist der Anlagegrenzwert 10-mal tiefer als der Immissionsgrenzwert. Bezogen auf µW/m2 ist er 100-mal tiefer.
3 Recensement des points atypiques, Edition du 14 décembre 2017, ANFR (Agence nationale des fréquences)

Drei Jahrzehnte umfangreiche Praxiserfahrungen von Umwelt- und Komplementärmedizin, Baubiologen und Elektrosmog-Schutzorganisationen sagen klar: Unsere Alltagsbelastung durch nicht­ionisie­rende Strahlung, auch Funkstrahlung, kann die Gesundheit schädigen. Doch diese Alltagsbelastung liegt meistens weit unterhalb der Grenzwerte. Das heisst, die Grenzwerte schützen uns nicht ausreichend.

Ein Überblick über die gesamte kontroverse Studienlage kommt zum gleichen Schluss: Wissenschaftliche Nachweise eines erhöhten Risikos für gesundheitliche Schäden infolge "schwacher" nichtionisierender Strahlung unterhalb der Grenzwerte sind vorhanden. – Allerdings können Risikostudien nur Versuche sein, Teilaspekte der Realität so gut wie möglich abzubilden. Weder Laborexperimente noch statistische Auswertungen von Daten aus der Praxis können die Lebenswirklichkeit befriedigend erfassen. Deshalb müssen Studien stets gründlich geprüft, interpretiert und in den Gesamtzusammenhang gestellt werden. Sonst besteht die Gefahr von Fehlbeurteilungen.

Das Warten auf den ultimativen wissenschaftlichen Beweis einer Schädlichkeit ist vergeblich. Auch die Forderung eines Nachweises der Unschädlichkeit (Umkehr der Beweislast), so verständlich sie ist, hat wenig Sinn. Beides ist aus wissenschaftlicher Sicht unerfüllbar. Daher darf sich die Politik nicht primär auf irgendwelche Studien stützen. Sie muss sich eine Gesamtsicht zu eigen machen, und dazu gehört notwendig der Einbezug der Praxiserfahrungen. Umweltmedizin, Betroffene und ihre beratenden Messfachleute müssen gleichberechtigt mitreden können. Nur dann sind verantwortungsvolle Entscheide über Grenzwerte möglich.

Die heute weltweit geltenden Grenzwerte für nichtionisierende Strahlung wurden ursprünglich von einem Normenkomitee der IEEE1 ausgearbeitet. Massgeblich beteiligt waren Vertreter des U.S. Militärs sowie von Telekom-Konzernen. Diese Grenzwerte sollten erklärtermassen vor wissenschaftlich gesicherten Effekten schützen. Bei Funkstrahlung waren das nach Ansicht des Komitees Effekte infolge kurzzeitiger Erwärmung (thermische Effekte). Zur weltweiten Verbreitung dieser Grenzwertvorschläge wurde 1993 in München ein Verein nach deutschem Privatrecht (e.V.) namens ICNIRP2 gegründet. Er hat Sekretariatsgemeinschaft mit dem Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) und wird von der Bundesregierung zu 70-80% unterstützt. Die 14 Vereinsmitglieder ergänzen ihren Bestand durch Kooptation3. Verbindungen von Mitgliedern zu Behörden, Industrie, Militär und IEEE-ICES waren und sind bekannt4.

Das in den 90er Jahren geknüpfte Netzwerk von ICNIRP, WHO und nationalen Fachbehörden bewirkte, dass die meisten Staaten diese Grenzwerte adoptierten. Damit übernahmen sie auch das ICNIRP-Dogma "Wissenschaftlich gesichert sind nur thermische Effekte". Das war zwar schon damals eine Falschbehauptung. Aber mittlerweile gibt es noch viel mehr wissenschaftliche Hinweise auf nichtthermische Effekte weit unterhalb der ICNIRP-Grenzwerte. Um trotzdem an den bisherigen Grenzwerten festhalten zu können, wird nun behauptet, es sei nicht erwiesen, dass diese nichtthermischen Effekte auch wirklich krank machen würden. Praxiserfahrungen und Studien, die in der Zusammenschau klar für eine solche Schädlichkeit sprechen, werden abgewertet oder ganz ignoriert.

1 IEEE = Institute of Electrical and Electronics Engineers; Sitz in den USA; weltgrösster technischer Berufsverband mit Unterorganisation ICES = International Committee on Electromagnetic Safety, dort das Technische Komitee TC-95 für Expositionsnormen.

2 ICNIRP = International Commission on Non-Ionizing Radiation Protection

3 Kooptation heisst die Ersatzwahl für ausscheidende Mitglieder durch die übrigen Mitglieder.

4 Solche Interessenverbindungen sind in einem Bericht der EU-Parlamentsmitglieder K. Buchner und M. Rivasi (Brüssel, Juni 2020) für alle derzeitigen ICNIRP-Mitglieder detailliert aufgeführt.

  • Ein Grenzwert im umweltrechtlichen Sinn ist eine präzise definierte Schadstoffkonzentration, die nicht überschritten werden darf. Innerhalb des Grenzwertes liegende Messergebnisse sind zu tolerieren und hinzunehmen. Grenzwerte markieren deshalb die Grenze zwischen schädlichen und nicht schädlichen Umweltrisiken; sie stellen ein gerade noch vertretbares Grenzrisiko dar (Wikipedia).
  • Ein Grenzwert sollte also den von Interessen unbeeinflussten Stand des Wissens spiegeln. In der Praxis ist er allerdings oft ein Kompromiss zwischen standhaftem Schutzwillen und Rücksicht auf wirtschaftlich-technische Einwände. – Völlig unzulässig ist jedoch, dass ein Grenzwert seitens der Verursacher schädlicher Immissionen erarbeitet und vom Staat direkt übernommen wird. Und doch geschah genau das bei der nichtionisierenden Strahlung. 1998 wurden Richtwerte von der ICNIRP1 festgelegt. Die WHO empfahl diese Richtwerte ihren Mitgliedsländern zur Übernahme als gesetzliche Grenzwerte. – Mehr dazu siehe "Bieten die gesetzlichen Mobilfunk-Grenzwerte ausreichenden Schutz?".
  • Ein Richtwert ist ein Messwert oder Zahlenwert, nach dem man sich richten soll, ohne dass ein Zwang dazu besteht (Wikipedia). – Im Fall der nichtionisierenden Strahlung wurden 1992 von deutschen Baubiologen erstmals Richtwerte für elektrische und magnetische Felder sowie für Mobil- und Rundfunkstrahlung publiziert. Sie gelten für empfindliche Personen am Schlafplatz und wurden seither in Zehntausenden professioneller Untersuchungen bei Betroffenen in ganz Mitteleuropa überprüft und erhärtet.
  • Der medizinischen Fachwelt steht ein eigenes Referenzwerk2 zur Verfügung. Es enthält neben Medizi­nischem auch Richtwerte für Funkstrahlung und niederfrequente Felder, gültig für den gesundheitlich vorbelasteten Teil der Bevölkerung. Diese Richtwerte basieren auf epidemiologischen Studien, empirischen Beobachtungen, praxisbezogenen Messungen und auf der Resolution 1815 des Europarates.

  • 1 ICNIRP = International Commission on Non-Ionizing Radiation Protection
  • 2 EUROPAEM Leitlinie 2016 zur Prävention, Diagnostik und Therapie EMF-bedingter Beschwerden und Krankheiten

Ca. 80% des mobilen Datenvolumens wird durch Nutzer erzeugt, welche sich in Innenräumen aufhalten. Um auch mit 5G an der aktuellen Netzstruktur, mit grossen Aussenantennen Innenräume zu versorgen, festhalten zu können, fordern die Mobilfunkanbieter höhere Grenzwerte. Diese Erhöhung soll entweder numerisch mittels eines höheren Wertes, von 6 V/m auf 20 V/m, oder mit einer zeitlichen oder/und räumlichen Mittelung erreicht werden.

Immer mehr Menschen wehren sich gegen den massiven  Ausbau der Mobilfunknetze. Der beworbene Nutzen des neuen 5G Standards steht offenbar für viele in keinem Verhältnis zu den Nachteilen, die für unsere und die kommende Generation damit verbunden sein werden. Anlässlich einer repräsentativen Wahl-Umfrage von Tamedia im Mai 2019, an der 19'018 Personen aus der ganzen Schweiz teilnahmen, lehnten 57 % eine Erhöhung der Grenzwerte für 5G ab. Die Skepsis ist bei linken wie bei rechten Wählern gross. Noch kritischer zeigen sich laut der Umfrage Wähler der Grünen: 70 Prozent lehnen höhere Grenzwerte ab.

Mobilfunk, Gesundheit und Umwelt

Weil das Wissen davon fast durchwegs unterdrückt wurde. – Erste wissenschaftliche Hinweise auf Gesundheitsschäden infolge Funkwellenstrahlung gab es um die Mitte des 20. Jahrhunderts. Sie betrafen Rundfunk und Radar. Später erarbeiteten russische Forscher ein umfangreiches Wissen über Langzeitwirkungen von beruflicher Strahlungsbelastung. In den USA wusste man davon. Das bezeugen damals geheim gehaltene, jetzt freigegebene Berichte. Aber Militär, Industrie und Behörden verhinderten das Bekanntwerden des Wissens.

Mit der massiven Zunahme der Funkstrahlung seit den 1990er Jahren stieg auch die Zahl der gesundheitlich Betroffenen rapide. Ursache sind Handys, Antennen, WLAN, schnurlose DECT-Heimtelefone und viele weitere Funkquellen. Umweltärzte und besorgte Forscher warnen seit 2000 davor. Immer wieder lancierten sie Appelle, weltweit, bis heute. Die Medien berichteten darüber kaum. Zu diesem Thema übernehmen sie die Meinung von Industrie, Behörden und deren wissenschaftlichen Beratern. Der Standardsatz ist: "Gesundheitliche Auswirkungen unterhalb der Grenzwerte sind nicht erwiesen."

Die Praxiserfahrungen jedoch widerlegen diesen Satz mit überwältigender Deutlichkeit für den, der sich tiefer in das Thema einarbeitet. Die Bevölkerung ist denn auch gespalten: Wer die Strahlung nicht spürt, mag geneigt sein, deren Risiken auszufiltern. Wer jedoch selber unter der Strahlung leidet oder sich aktiv informiert, erlebt das Thema als greifbare, zuweilen erschütternde Wirklichkeit. Die wachsende Polarisierung, erkennbar am inflationären Einsatz von Begriffen wie Fake News und Verschwörungstheorie, verhindert, dass differenziertere, das Erfahrungswissen spiegelnde Meldungen an die Öffentlichkeit durchkommen.

Bereits die früheren Mobilfunkstandards 2G, 3G, 4G wurden ohne vorgängige Prüfung auf Gesundheits- und Umweltverträglichkeit eingeführt. Das Gesetz sieht dies nicht vor. Auch der Strahlung von 5G-Antennen wird die Bevölkerung nun ohne Wissen von deren gesundheitliche Folgen ausgesetzt. Bundesbehörden und Mobilfunkindustrie beruhigen: Sie sehen bezüglich gesundheitlicher Auswirkungen von 5G-Strahlung keinen Unterschied zu 4G. Sie verweisen darauf, dass die derzeitigen 5G-Frequenzen unterhalb 6 GHz und somit im selben Frequenzbereich wie 2G, 3G, 4G und WLAN liegen. Bei diesen Funkdiensten seien keine gesundheitlich nachteiligen Wirkungen nachgewiesen worden.

Diese Einschätzung ist jedoch doppelt falsch:
1. sind nachteilige gesundheitliche Wirkungen infolge Mobilfunksendern seit bald drei Jahrzehnten weltweit eine Erfahrungstatsache und ausserdem durch Studien belegt.
2. ist die Trägerfrequenz keineswegs der einzige Einflussfaktor. Massgebend für die Intensität spontaner Beschwerden ist vor allem die Amplitudendynamik1. Um die Stärke der biologischen Wirkungen im Körper zu kennen, muss man daher die Spitzenwerte der Strahlung messen.

Gemäss behördlicher Vorschrift wird jedoch der momentane Mittelwert2 gemessen. Diese Messmethode entspricht dem längst überholten ICNIRP-Dogma "Wissenschaftlich gesichert sind nur Schäden durch Erwärmung". Die Mittelwertmessung bewirkt, dass das gesundheitliche Risiko teils massiv unterschätzt wird. Das gilt vor allem bei Funkdiensten mit hoher Amplitudendynamik wie 4G+ und 5G sowie beim WLAN-Standby-Signal. Bei 5G im Frequenzband um 3,5 GHz sind es die adaptiven Antennen, die sehr hohe Strahlungsspitzen erzeugen und so den Empfang verbessern, wo die Strahlungsausbreitung durch Bauten und Bäume behindert ist. Aber dafür wird die Strahlung biologisch aggressiver.

1) Amplitudendynamik = Differenz zwischen minimaler und maximaler Strahlungsintensität sowie Steilheit des Signalanstiegs

2) Vorschrift ist die Messung des quadratischen Mittelwerts (RMS). In der Baubiologie werden Spitzenwerte gemessen (Peak Hold).

Unbestritten sind negative Effekte durch Erwärmung infolge sehr starker hochfrequenter Strahlung. Gegen diese schützen die Grenzwerte. Bloss kommt eine derart starke Strahlung im Alltag nie vor1. Sehr real sind hingegen die beiden folgenden Erscheinungen:

1. Kurzfristige Wirkungen bei Personen mit erhöhter Empfindlichkeit: An Orten mit erhöhter alltäglicher Strahlungsbelastung erleiden sie sofort oder verzögert einsetzende Beschwerden. Diese reichen je nach Empfindlichkeit von leichtem Unwohlsein bis zu massiven, als lebensbedrohlich empfundenen Symptomen und heftigen Schmerzen. Nach dem Ende der Belastung (Abschalten der Quelle; Verlassen des Ortes) verschwinden die Symptome. Schwer Betroffene können unter stunden- bis tagelangen Nachwirkungen leiden.

Die WHO nennt solcherart Betroffene "elektrohypersensibel" (EHS). Zugleich bestreitet sie aber einen Zusammenhang zwischen nicht­ionisierender Strahlung und Symptomen. Deren Ursache schiebt sie auf andere häusliche Umweltfaktoren, Stress oder psychische Faktoren. – Dementsprechend bestreitet die schulmedizinische Lehrmeinung einen Zusammenhang dieser Leiden mit nicht­ionisierender Strahlung. Sie glaubt, es handle sich um Einbildung oder Nocebo-Wirkung2. Die Psychiatrie spricht von Halluzinationen. Die Folgen ärztlichen Wissensmangels sind teure, ergebnislose spezialärztliche Untersuchungen, Fehlbehandlungen oder Patientenabweisungen. Dies trotz der Bemühungen von Kollegen wie der Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz (AefU), die seit zwei Jahrzehnten Bewusstseinsbildung auch auf dem Gebiet der Auswirkungen nichtionisierender Strahlung3 betreiben.

2. Längerfristige Wirkungen: Bei jahrelang unter Strahlung Leidenden kann die ständige, schwere Beanspruchung den Organismus derart schwächen, dass Krankheiten entstehen. – Krankheiten können sich auch bilden, ohne dass die Betroffenen die Strahlung spüren, wie etwa bei der Tumorbildung oder der Beeinträchtigung der Spermienqualität bei Mobiltelefonbenutzern.

1 Ausnahme: Eine "Mikro-Erwärmung" durch Strahlung unterhalb des ICNIRP-Grenzwertes bei ans Ohr gehaltenen Mobilgeräten.

2 nocere (lat.) = schaden; Nocebo analog zum Placebo: Die blosse Erwartung, dass etwas schädlich sei, bewirkt einen Schaden.

3 Siehe Oekoskop, Fachzeitschrift der AefU, Ausgaben Nr. 2/20, 4/19, 2/19, 4/17, 1/16.

Bei Rindvieh wurden auf bayerischen Höfen mit nahen Mobilfunksendern bereits Ende der 1990er Jahre teils dramatische Gesundheitsprobleme bekannt. Das bayerische Umweltministerium veranlasste eine Studie, nahm aber verharmlosenden Einfluss auf deren Ergebnisse. Nach deren Veröffentlichung behauptete der Minister glattweg, die Studie zeige "keine Auffälligkeiten durch den Einfluss von Mobilfunk", was trotz der Verharmlosung nicht stimmte. Die Studienautoren widersprachen dieser amtlichen Vertuschung der Tatsachen öffentlich.

Später kamen Meldungen gleichartiger Schäden aus ganz Mitteleuropa. Es wurde gehäuft von Euterentzündungen, verminderter Milchleistung, Verhaltensstörungen, äusseren und inneren Geschwüren, Fruchtbarkeitsstörungen, Tot- und Missgeburten berichtet. Eine notfallmässige Umstallung betroffener Kühe auf einen unbelasteten Hof bewirkte jeweils eine rasche Besserung. Nach der Rückkehr auf den belasteten Hof folgte prompt der Rückfall. – Aus der Schweiz sind neben denselben Schäden überdies Fälle von gehäufter Kälberblindheit (Katarakt; grauer Star) bekannt.

Dass Mobilfunkstrahlung Tieren schadet, zeigte sich in Studien und Praxis auch an Verhaltensstörungen bei Vögeln, Ameisen und Fröschen sowie an Hühnerembryos. Bei Honigbienen wurde unter Mobilfunkstrahlung eine gestörte Rückfindung der Sammelbienen zum Bienenstock festgestellt. Ferner reagierten Völker auf eine Strahlungserhöhung selbst im Winter (!) unverzüglich mit dem charakteristischen Signal, das sonst vor dem Ausschwärmen eines Volkes hörbar ist. – Der dramatische Rückgang von Fluginsekten seit den 1980er Jahren um bis zu 80% wird wohl zu Recht den Pestiziden und der Zerstörung natürlicher Lebensräume zugeschrieben. Er fällt aber auch zusammen mit dem Auf- und Ausbau der Mobilfunknetze. Hier besteht grosser Forschungsbedarf.

In der Mitte des 20. Jahrhunderts, als die UKW-Rundfunkstrahlung stark zunahm, fanden Forscher der Universität Freiburg i.Br. eine mutagene Wirkung dieser Strahlung auf Pflanzen und warnten vor künftigen Pflanzenschäden in Sendernähe. Aus den 1970er und 1980er Jahren sind denn auch Beobachtungen über Schneisen in Wäldern in der Nähe von Richtstrahlantennen und über das Eingehen der Pflanzen in der Nähe von Fernsehsendern dokumentiert.

In neuerer Zeit lieferten Forschungsarbeiten Belege für Einflüsse von Mobilfunkstrahlung auf Pflanzenwachstum, genetische Information und Pflanzenstoffwechsel. Öffentliches Aufsehen erregt haben Schülerversuche mit Mobilfunkbestrahlung von keimender Kresse. Diese Ergebnisse wurden anschliessend wissenschaftlich bestätigt.

Eine beachtenswerte Studie von 2016 mit systematischer Erfassung von Baumschäden in zwei deutschen Städten ergab erstmals einen statistisch gesicherten Zusammenhang der Schäden mit der Strahlung von Mobilfunkmasten1.

1 Waldmann-Selsam C. et al., Radiofrequency radiation injures trees around mobile phone base stations, 2016

Ja, es gibt sie. Eines der ersten Zeugnisse ist eine Beschreibung1 der durch Kurzwellen-Rundfunkstrahlung ausgelösten Symptome von 1932: Schlafstörungen, Tagesmattigkeit, Kopfschmerzen, depressive und gereizte Stimmung. Damit waren bereits einige zentrale Symptome des "Mikrowellensyndroms" angesprochen, wie es seit über zwei Jahrzehnten zum gesicherten Erfahrungswissen der Umweltmedizin und der baubiologischen Beratung gehört.

Die WHO sah sich veranlasst, diese Problematik aufzugreifen2. Sie nennt diese Erscheinung Electromagnetic Hypersensitivity, ins Deutsche ungenau mit Elektro(hyper)sensibilität übersetzt. Der Ärzteschaft, empfiehlt sie jedoch, nicht auf eine Reduktion der elektromagnetischen Belastung am Arbeitsplatz und zu Hause einzugehen. Als mögliche Ursachen seien vielmehr andere Umweltfaktoren einzubeziehen, und es seien psychologisch-psychiatrische Aspekte abzuklären. Die Symptome seien klinisch zu behandeln. – Diese Fehlinformation der medizinischen Fachwelt hat viel Schaden angerichtet und unnötige Kosten im Gesundheitswesen verursacht. Aufgrund korrigierender Berichte aus der Umweltmedizin sowie eigener ärztlicher Praxiserfahrungen beginnt sich nun aber in der Ärzteschaft doch ein Bewusstseinswandel abzuzeichnen.

Wissenschaftlich ausgewertete Befragungen von 2005-2018 im In- und Ausland lassen einen Betroffenen-Anteil von rund 5-10% an der erwachsenen Bevölkerung annehmen. In der Schweizer Presse wurden in den vergangenen Jahren Porträts von etwa zwei Dutzend elektrosensiblen Menschen publiziert. Diese sind die öffentlich sichtbare Spitze des Eisbergs. Ebenso wie sie sind zahlreiche weitere Betroffene auf der ständigen Suche nach elektromagnetisch weniger belasteten Wohnstätten und Arbeitsplätzen. Wegen der allgegenwärtigen Strahlungsbelastung sind sie in ihrer Bewegungsfreiheit und sozialen Integration behindert. Oft ist ihre Lebensqualität in einem für Aussenstehende kaum vorstellbaren Mass eingeschränkt. Da sie wegen Unverständnisses ihrer Umwelt ihre Lage oft verbergen müssen, werden sie in der Gesellschaft jedoch kaum wahrgenommen.

1 Schliephake E., Arbeitsergebnisse auf dem Kurzwellengebiet, Deutsche Medizinische Wochenschrift, 05.08.1932

2 WHO Fact Sheet No. 296, Electromagnetic Hypersensitivity (EHS), December 2005

Zwei wissenschaftliche Forschungsrichtungen sind klar zu unterscheiden:

1. Die anwendungsorientierte Forschung; sie findet zunehmend in Kombination mit der industriellen Entwicklung ("F+E") statt. Aufgrund ihrer zuweilen faszinierenden Ergebnisse geniesst diese Forschung öffentlich ein hohes Ansehen. Bei "Wissenschaft" denken viele automatisch an hohe Fachkompetenz.

2. Die Risikoforschung; sie  soll negative Auswirkungen von Methoden und Produkten finden und erforschen. Ihre Ergebnisse sind aber oft unbequem für die Industrie. Diese versucht deshalb seit jeher, Einfluss auf die Risikoforschung zu nehmen. Da diese meist in dem mit Behörden und Industrie verflochtenen Universitätsbetrieb stattfindet, muss bei jeder publizierten Risikostudie die Unabhängigkeit der Studienautoren exakt überprüft werden. Dies ist gerade auch dort nötig, wo Forscher keine Interessenbindung deklarieren, oder wo angegeben wird, mit der Finanzierung sei keine Einflussnahme auf Entwurf und Durchführung der Studie verbunden.

Diese beiden Forschungsrichtungen werden nicht genügend auseinandergehalten. Oft wird das hohe Ansehen der anwendungsorientierten Forschung unbesehen auf alle Wissenschaftsbereiche übertragen. Wissenschaftliche Aussagen erhalten dadurch generell einen hohen Autoritätswert. Dieser wird oft für eigene Zwecke instrumentalisiert. Um Meinungen zu beeinflussen, beziehen sich Interessenvertreter, Fachbehörden und Journalisten auf "die Wissenschaft" als massgebende Instanz. Doch diese "Wissenschaft" entpuppt sich oft als eine blosse partikuläre Sichtweise. Wo eine Interessengruppe die Deutungshoheit über ihr Sachgebiet hat, wird die öffentliche Meinung im Sinne ihrer Sichtweise beeinflusst. Bei der nichtionisierenden Strahlung ist das seit Jahrzehnten die vereinheitlichte Sichtweise von Mobilfunk- und Elektrizitätsindustrie, Hochschulwissenschaft und zuständigen Bundesbehörden.

 

Man unterscheidet zwischen thermischen und nichtthermischen biologischen Auswirkungen auf Mensch und Tier. Thermische Auswirkungen, d.h. Gesundheitsschäden durch Erwärmung des Körpergewebes infolge sehr starker hochfrequenter Strahlung sind schon seit Jahrzehnten anerkannt. Hingegen galt die Existenz von Effekten der in unserem Alltag vorhandenen, nichtthermisch wirkenden Strahlung offiziell lange als nicht ausreichend erwiesen, obwohl es schon viele Studien darüber gab.

Seit einigen Jahren wird nun die Existenz nichtthermischer Effekte endlich allgemein akzeptiert. Genannt werden der oxidative Zellstress sowie eine Beeinflussung von Hirnströmen, Gehirndurchblutung, Spermienqualität, Erbinformation, Gen­expression und programmiertem Zelltod (Apoptose)1. Es sei jedoch unbekannt – so wird angefügt – ob mit diesen Effekten auch wirklich Gesundheitsfolgen verbunden seien. Über die Schädlichkeit könne man erst urteilen, wenn ein Wirkungsmodell2 allgemein akzeptiert sei. Nur: Solche Wirkungsmodelle wurden längst vorgeschlagen und sind heute teils weit entwickelt. Aber der notwendige wissenschaftliche Disput darüber stockt. Man scheint auf Zeit zu spielen.

Dass jetzt die Existenz nichtthermischer Effekte zwar zugegeben, aber die Konsequenzen dieses Eingeständnisses nicht gezogen werden, hat weitreichende Folgen. Gemäss dem "thermischen Dogma" der ICNIRP3 gilt für den Körper die Betrachtungsweise der Physik. Demnach hängen die Effekte im Körper nur von der Dosis, d.h. von der vom Körper aufgenommenen Menge an Strahlungsenergie ab. Zu deren Ermittlung genügt die international übliche Messung des Mittelwertes. Kurzzeitige Spitzen werden nicht berücksichtigt.  Aus der Praxis weiss man jedoch, dass die Symptome empfindlicher Personen massgeblich von den Spitzenwerten mitbestimmt werden. Unser Körper gehorcht eben nicht bloss der Physik; seine Lebensvorgänge sind unter dem Aspekt des Bioelektromagnetismus zu betrachten.

1 siehe Rundschreiben des BAFU an die Kantone vom 17.04.2019

2 Wirkungsmodell = detailliertes Modell der Vorgänge, wie gesundheitsschädliche Auswirkungen der Strahlung im menschlichen Organismus konkret entstehen

3 ICNIRP = International Commission on Non-Ionizing Radiation Protection

In der Forschung zu den Auswirkungen hochfrequenter Strahlung liegt der Schwerpunkt weltweit auf dem Handy. Dieses gilt als der Verursacher der stärksten Strahlungsexposition. Ob das Handy am Ohr ein erhöhtes Risiko für Kopftumor bewirkt, darüber wurde lange gestritten. Die IARC1 stufte im Jahr 2011 Mobilfunkstrahlung in die Klasse 2B "möglicherweise karzinogen" ein. Seither wurde weiter geforscht. Unter dem Eindruck neuerer und neuster Studien fordern jetzt weltweit mehrere Forscher die Hochstufung auf Klasse 2A "wahrscheinlich karzinogen" und sogar auf Klasse 1 "karzinogen für den Menschen". Eine von der IARC eingesetzte Gruppe von 29 Experten aus 18 Ländern hat eine Neubewertung der Klassierung von Mobilfunkstrahlung im Zeitraum bis 2024 vorgesehen.

Mobilfunkantennen wurden hingegen weltweit von der offiziellen Forschung immer vernachlässigt. Dies mit der Begründung, die Belastung durch Antennenstrahlung sei viel geringer als diejenige durch das Handy. Doch in Wirklichkeit ist die kumulierte Strahlungsbelastung durch Mobil- und Rundfunkantennen, häusliche Strahlungsquellen und fremde Handys (analog dem Passivrauchen) eine mindestens ebenso starke Belastung. Dies sagt das Erfahrungswissen von Umweltmedizin, Baubiologie und Schutzorganisationen aufgrund langjähriger Beobachtungen. Man kann nun versuchen, im eigenen Einflussbereich WLAN-, Bluetooth-, DECT- und Handystrahlung zu vermeiden. Wo das gelingt, bleibt die nicht beeinflussbare Strahlung der Mobilfunkantennen. In deren Nähe kann die Belastung hoch sein. Für Personen, die rund um die Uhr an denselben Aufenthaltsort gebunden sind, wird sie zur Dauerbelastung mit gesundheitsschädigendem Potential.

Studien mit Antennenanwohnern haben daher grosse Bedeutung. Solche gibt es gibt es indessen weltweit nur wenige. Ihre Qualität ist unterschiedlich. Gemäss einer Übersichtsarbeit des BAFU von 2013 genügt angeblich keine den Anforderungen. Trotzdem kann man ihnen zumindest diese Aussage entnehmen: Sie zeigen Beschwerden und ein erhöhtes Krankheitsrisiko bei Strahlungswerten, die durchwegs unterhalb des Schweizer Anlagegrenzwertes liegen. Weltweit.

1 International Agency for Research on Cancer IARC, die Fachstelle der WHO für Krebsforschung

Seit Einführung des flächendeckenden Mobilfunks wird ein dramatischer Abbau der Biomasse von Fluginsekten beobachtet. Diese hat mittlerweile um bis zu 75% abgenommen. Es gibt Hinweise, dass hochfrequente elektromagnetische Strahlung (Mobil- und Rundfunk, WLAN, DECT-Funktelefone...) zu diesem negativen Trend beiträgt. Der Biologe Dr. Daniel Favre, Imker und Bienenforscher aus Lausanne , sowie Forscher um Prof. Hermann Stever von der Universität in Koblenz-Landau haben in verschiedenen Studien negative Auswirkungen der Strahlung auf Bienen festgestellt. – Dass Mobilfunkstrahlung Tieren schadet, zeigte sich in Studien und in der Praxis auch an Verhaltensstörungen bei Vögeln und Ameisen sowie an der Beeinträchtigung der Gesundheit bis hin zu Missbildungen bei Nutzvieh und Fröschen.

In der offiziellen EMF-Risikoforschung steht seit jeher das Handy im Zentrum. Die Antennenstrahlung erhält kaum Aufmerksamkeit. Diese Einseitigkeit ist ganz im Sinne der Mobilfunkindustrie.

Die Praxis jedoch liefert klare Hinweise auf eine Gesundheitsschädlichkeit der Antennenstrahlung:

  • Zahllose Fälle von Schlafstörungen, Beschwerden und Krankheiten in Sendernähe, dokumentiert durch die Umweltmedizin, die Baubiologie und die Elektrosmog-Schutzorganisationen.

  • Auffallend häufiger Mieterwechsel in besonders strahlungsexponierten Wohnungen; in Extremfällen lassen Vermieter solche Wohnungen notgedrungen leer. Der Grenzwert ist eingehalten.

  • Verbreitete, teils auch professionelle Abschirmung exponierter Zimmer oder Wohnungsteile, zuweilen ganzer Häuser, dies gegen eine Strahlung, die offiziell als unschädlich gilt.

  • Zahlreiche Einsprachen und Gerichtsbeschwerden gegen Bau oder Hochrüstung von Mobilfunk­sendern, oft bis vor Bundesgericht. Die Formel "Jeder will telefonieren, keiner will die Antennen" gilt für Projektanwohner gerade so lange, bis sie sich über die Strahlungsfolgen kundig gemacht haben. Von da an wächst das Bewusstsein, selber möglichst wenig Strahlung erzeugen zu sollen.

Eine gesamtheitliche Betrachtung all dieser Hinweise erhält ein Gewicht, das nicht ignoriert werden kann. Das praktische Erfahrungswissen muss mit in die Entscheide einbezogen werden. Da jedoch Politiker und Verantwortungsträger auf allen Ebenen glauben, sich stets auf wissenschaftliche Studien stützen zu müssen, braucht es weitere Forschung zur wissenschaftlichen Bestätigung der Erfahrung.

Einzig zielführend sind Studien mit Personen, die in der Nähe eines Mobilfunksenders wohnen. Die Auswirkungen einer Abschaltung und späteren Wiedereinschaltung des Senders sollen systematisch ärztlich und messtechnisch erhoben werden. Im Deutschen Mobilfunk-Forschungsprogramm 2002/08 war unter 53 Forschungsanträgen eine solche Studie zur Untersuchung der Schlafqualität von Anwohnern eines Mobilfunksenders mit Ermittlung des Effekts einer Abschaltung des Senders erwähnt. Sie wurde aber nicht durchgeführt. Die Realisierung solcher Studien muss weiterhin gefordert werden.

Offiziell heisst es, die wissenschaftliche Studienlage zeige keinen Zusammenhang. Aus der umweltärztlichen Praxis und der baubiologischen Mess- und Beratungserfahrung folgt jedoch eindeutig, dass dieser Zusammenhang existiert.

Über Elektrosensibilität gibt es mehr als ein halbes Hundert Studien. Die meisten sind Provokationsstudien: Mit mit niederfrequenten Feldern oder hochfrequenter Strahlung soll eine Reaktion von Versuchspersonen provoziert werden. Den publizierten Ergebnissen gemäss konnten elektrosensible Probanden die Frage, ob die Strahlung EIN oder AUS ist, nicht häufiger korrekt beantworten als Nichtsensible. – Wer elektrosensible Personen kennt, den überrascht das nicht. Die Probanden müssen eine Labor-Testserie mit kurzen Strahlungsexpositionen (z.B. je 45 Minuten) unter Prüfungsstress durchstehen. Damit sind sie überfordert, vor allem nach einer strahlenbelasteten Anreise. Nach den Tests verspüren sie oft tagelang Nachwirkungen. Diese werden von der Studie nicht erfasst.

Das BAFU publizierte 2012 eine Studienübersicht dazu. Deren Autoren ziehen aus dem negativen Ergebnis der Provokationsstudien den allerdings gewagten Schluss, dass die Bevölkerung mitsamt den Elektrosensiblen vor Strahlung ausreichend geschützt sei. Im Widerspruch dazu räumen sie aber ein, dass "einzelne Menschen durch die heute zulässige EMF-Belastung kausal in ihrem Befinden beeinträchtigt werden" könnten. Sie erwähnen als Möglichkeit, Einzelfallstudien gemäss den Vorgaben der Betroffenen und bei diesen zu Hause durchzuführen. Ein derartiges Studiendesign wäre tatsächlich viel besser an das Wesen der Elektrosensibilität angepasst.

In der Umwelt- und Komplementärmedizin sowie in der baubiologischen Messpraxis seit den 90er Jahren gewonnene praktische Erfahrungen bestätigen einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Strahlung und Symptomen. Anhand dieser Erfahrungen wurden Strahlungsrichtwerte für den Schutz empfindlicher Personen am Schlafplatz entwickelt. Sie liegen um mehrere Zehnerpotenzen tiefer als die staatlichen Grenzwerte. Bis heute wurden sie in Zehntausenden Einzelfällen angewendet.  Ihre Plausibilität wird in der Messpraxis laufend überprüft.

Über Mobilfunk allein nicht, wohl aber auf dem gesamten Gebiet der nichtionisierenden Strahlung. In der Datenbank des EMF-Portals der RWTH Aachen, emf-portal.org, sind derzeit (Sept. 2020) knapp 32'000 Publikationen gelistet. Davon liegen im Frequenzbereich des Mobilfunks rund 1500 Studien, wovon vier Fünftel experimentelle Studien (Laborstudien) und ein Fünftel epidemiologische Studien (Auswertung von Daten aus Untersuchungen in der Bevölkerung).

Massgebend für die Beurteilung, ob ein Zusammenhang zwischen Strahlung und Gesundheitsschäden besteht, ist aber nicht primär die Zahl der Studien, sondern deren Qualität. Allerdings bestehen über die Kriterien zur Beurteilung dieser Studienqualität ganz unterschiedliche Vorstellungen. Das BAFU nennt in seinen Berichten zum Stand der Forschung von 2003 und 20061 extrem strenge Bedingungen dafür, dass ein beobachteter Effekt als gesichert gelten darf. Sogar die Bedingungen der IARC2 für die Einstufung eines Schadstoffes als "karzinogen" sind weniger streng. – Man erhält den Eindruck, dass eine breite Anerkennung der Gesundheitsschädlichkeit von Mobilfunkstrahlung so lange als irgend möglich hinausgezögert werden soll. – Bedeutungsvoll ist die Aussage eines bekannten Biologen3, dass einfachere Studien ohne Expertenbegutachtung (peer reviewing) nicht ignoriert werden sollten. Obwohl nicht beweiskräftig, könnten sie richtig sein und Hinweise geben, die befolgt werden sollten.

Von kritischer Seite wird immer wieder gefordert, dass in erster Linie Studien unabhängiger Forscher berücksichtigt werden sollen. Dass diese Forderung berechtigt ist, wird bestätigt durch Untersuchungsergebnisse über den Einfluss der Finanzierungsquelle: Von der Industrie unabhängig finanzierte Studien haben viel häufiger Effekte gefunden als von der Industrie (mit)finanzierte Studien.

1 Hochfrequente Strahlung und Gesundheit. Bundesamt für Umwelt, Bern 2007. Qualitätskriterien formuliert von Dr. M. Röösli.
2 International Agency for Research on Cancer IARC, die Fachstelle der WHO für Krebsforschung
3 Sir William Stewart, 1990-95 oberster wissenschaftlicher Berater der britischen Regierung; bis 2005 Vorsteher der britischen Strahlenschutzbehörde. Diese Aussage machte er in einem Vortrag an der Tagung des Radiation Research Trust 2008.

Mobilfunk, Energie und Klima

Bezogen auf ein Datenpaket arbeitet 5G noch etwas effizienter, als das bereits 4G tut. Viel wichtiger für den Energieverbrauch ist aber, wie das Datenvolumen zunimmt. Falls die Steigerung des Datenverkehrs so eintrifft, wie es die Prognosen der Industrie voraussagen, wird eine enorme Zahl neuer 5G-Antennen benötigt. Entsprechend wird der Stromverbrauch zunehmen.

Die Daten werden aber nicht nur übermittelt, sondern weltweit in Datenzentren verarbeitet, gespeichert und bereitgestellt. Diese Datenzentren müssen mit dem Wachstum des Mobilfunks mithalten. Dies alles verbraucht sehr viel Energie. Hinzu kommen Energie und Rohstoffe für die Herstellung und Entsorgung von Infrastruktur, 5G-Smartphones und Endgeräten für das Internet der Dinge. Der Ausbau der Nutzung erneuerbarer Energie wird nicht mit dem für die Informations- und Kommunikationstechnologie prognostizierte Wachstum des Stromverbrauchs mithalten können. Hinweis: Siehe auch der frequencia-Flyer "Internet mit 5G-Booster: Klimaziele ade!"

Laut dem Hauseigentümerverband (SHEV) bestätigt das Bundesgericht, dass Liegenschaften und Wohnungen in der Nähe von Mobilfunksendern schwerer verkäuflich oder vermietbar werden und Druck auf den Kaufpreis oder den Anfangsmietzins entsteht. Gemäss Experten kann der Wertverlust einer Immobilie bis zu 30% betragen.

Nein. Die Swiss Re, weltweit zweitgrösster Rückversicherer, warnte im Juni 2013, dass ein gesicherter Zusammenhang zwischen elektromagnetischer Strahlung und Gesundheitsbeschwerden neuen Schadensersatzansprüchen "Tür und Tor öffnen" würde. Das Risiko für die Versicherungsbranche stufte sie als "hoch" ein. – Im Mai 2019 meldete die Swiss Re "...zunehmende Bedenken hinsichtlich möglicher negativer gesundheitlicher Auswirkungen" von 5G an. – Weltweit schliessen die Versicherungen eine Haftung für Gesundheitsschäden infolge elektromagnetischer Strahlung, z.B. Mobilfunkstrahlung, ausdrücklich aus.

Mobilfunk und 5G

Bereits die früheren Mobilfunkstandards (2G, 3G, 4G) wurden, so wie nun auch 5G, ohne Prüfung auf Umwelt- und Gesundheitsverträglichkeit eingeführt. Das Gesetz sieht dies nicht vor. Die Bevölkerung wird somit den damit verbundenen Risiken ausgesetzt. Den Betreibern ist es überlassen mit welcher Technologie sie die ersteigerten Frequenzen nutzen, solange sie geltende Grenzwerte und andere Auflagen (z.B. mit der Lizenz verbundenen Versorgungsauftrag) einhalten.

Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Es hängt ab vom Verhältnis der Belastungen durch Handy und Antenne; ob das Handy ans Ohr oder woanders gehalten wird; ob das eingeschaltete Handy in der Hosentasche oder in einer separaten Tasche mitgeführt wird usw. usw.

Dennoch sollten wir das Mögliche tun, um die Belastung des eigenen Kopfes etwas zu reduzieren. Man kann die Freisprecheinrichtung oder kabelgebundene Kopfhörer benutzen. Es gibt sogar Kopfhörer mit Luftschallübertragung ins Ohr. Weitaus am wichtigsten ist es aber, die Nutzungsdauer zu beschränken. Das nützt als einzige Massnahme nicht nur dem Nutzer selbst, sondern auch der Umgebung, wie beim Passivrauchen.

Auf die Antennenstrahlung haben wir jedoch keinen Einfluss. Ein grosser Teil der Bevölkerung befindet sich täglich lange, teils fast 24 Stunden lang, im Bereich strahlender Antennen. Deren Dauersignal lässt den Körper nie zur Ruhe kommen. Mobilfunkantennen können im Einzelfall die Widerstandskraft des Organismus wirksamer schwächen als eine u.U. stärkere, aber zeitlich begrenzte Handystrahlung.

Aus gesundheitlichen Gründen müssen daher beide Funkstrahlungsquellen, die Mobilfunkantennen und das Mobilgerät, so schwach als möglich strahlen. Die einzige wirklich taugliche Lösung ist daher die von der SaferPhone-Initiative geforderte Auftrennung der Internet- und Telefonversorgung auf zwei separate Netze, eine für den Aussenbereich und eine für das Innere der Gebäude.

Die Mobilfunkanbieter werben mit einer hohen Geschwindigkeit der Datenübermittlung. 5G, die fünfte Mobilfunkgeneration, ist noch schneller als 4G. Das heisst, pro Sekunde kann 5G mehr Daten übertragen als 4G. Das wird hauptsächlich mit zwei Mitteln erreicht:

  • 5G benutzt ein weiterentwickeltes Übertragungsverfahren. Einfacher ausgedrückt, eine andere Software.

  • 5G-Antennen senden ihre Signale innerhalb eines breiteren Frequenzbandes. So haben mehr Einzelsignale nebeneinander Platz. Also können mehr Daten­pakete gleichzeitig übertragen werden.

Vorgesehen sind zwei Phasen des 5G-Netzausbaus: Jetzt, in der ersten Phase, liegen die höchsten 5G-Sendefrequenzen bei 3,5 GHz. Der Geschwindigkeitsgewinn gegenüber 4G ist noch bescheiden. Sehr viel schneller würde 5G in einer zweiten Phase mit Sendefrequenzen ab 24 GHz, entsprechend einer Wellenlänge von 12 mm und weniger. Da spricht man von Millimeterwellen.

Im Unterschied zu 2G, 3G, 4G als technisch definierte Mobilfunkgenerationen ist 5G auch ein Marketingbegriff. Bei der 5G-Technik läuft vieles mit Software statt wie früher mit Hardware. Das ermöglicht es, spezielle Funkdienstleistungen für unterschiedliche Zwecke und Anwendergruppen zu erbringen. Beispiele: Die Vernetzung einer Riesenzahl von Sensoren, die dafür nur wenige Daten übermitteln (Internet der Dinge). Oder eigene virtuelle Funknetze für Behörden, Rettung, Militär usw..

Doch, 4G reicht. Für die privaten und beruflichen Nutzer genügt die Datenübertragungsrate von 4G. Auch die Sendekapazität des bestehenden 4G-Netzes würde noch lange ausreichen, wenn der mobile Videokonsum eingedämmt würde. Aber 5G bietet der Wirtschaft neue Geschäftsmöglichkeiten. Die Propaganda der Mobilfunkbetreiber suggeriert, dass der Wirtschaftsstandort Schweiz den raschen Vollausbau von 5G unbedingt benötige. 5G ist eine Schlüsseltechnologie der Strategie Digitale Schweiz des Bundesrates. Im Aktionsplan Digitale Schweiz, geleitet vom BAKOM1, hat der Ausbau des 5G-Netzes Priorität..

Der Bericht "Mobilfunk und Strahlung" des UVEK2 vom November 2019 basiert auf dieser Digitalisierungsstrategie. Er enthält Optionen für den flächendeckenden 5G-Netz­ausbau aus der Sicht der Mobilfunkindustrie. Berechnungsbasis sind deren eigene Prognosen, wonach das mobil übermittelte Datenvolumen weiterhin exponentiell wachsen wird. Für jede Option wurden Zeitbedarf und Kosten des 5G-Netzausbaus berechnet. Damit begründen die Mobilfunkbetreiber ihre Forderung nach einer Erhöhung desjenigen Grenzwertes, der für die Strahlung einer einzelnen Mobilfunksendeanlage gilt3.

Die globale Wirtschaftsmacht der IKT-Industrie4 prägt Zivilisation und Kultur unserer Zeit mass­geb­lich mit. Dieser Einfluss droht den Menschen aus seinem realen Naturzusammenhang herauszulösen und in eine digitalisierte, virtuelle Welt überzuführen. Nur wenn diese Gefahr auf der politischen Ebene klar genug erkannt wird, kann die Kraft entstehen, dem Mobilfunkausbau die nötigen Grenzen zu setzen. Wie es mit dem Ausbau von 5G weitergeht, hängt davon ab, wie die Einsicht in diese Gefahr der Digitalisierung wächst. Signale aus der Bevölkerung spielen dabei eine wesentliche Rolle.

1 BAKOM =  Bundesamt für Kommunikation

2 UVEK = Eidg. Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation

3 Das ist der sogenannte Anlagegrenzwert, festgelegt in der Verordnung über den Schutz vor nichtionisierender Strahlung (NISV)

4 IKT = Informations- und Kommunikationstechnik

Bezogen auf die drahtlose Übertragung eines Datenpaketes bestimmter Grösse arbeitet 5G noch etwas effizienter als 4G. Viel wichtiger für den künftigen Energieverbrauch ist aber, wie das Datenvolumen zunehmen wird. Falls die Steigerung des Datenverkehrs so eintrifft, wie es die Prognosen der Industrie voraussagen, wird eine enorme Zahl neuer 5G-Antennen benötigt. Entsprechend wird der Stromverbrauch zunehmen.

Die Daten werden aber nicht nur übermittelt, sondern weltweit in Datenzentren verarbeitet, gespeichert und bereitgestellt. Diese Datenzentren müssen mit dem Wachstum des Mobilfunks mithalten. Dies alles verbraucht sehr viel Energie. Hinzu kommen Energie und Rohstoffe für die Herstellung und Entsorgung von Infrastruktur, 5G-Smartphones und Endgeräten für das Internet der Dinge. Der Ausbau der Nutzung erneuerbarer Energie wird nicht mit dem für die Informations- und Kommunikationstechnologie prognostizierte Wachstum des Stromverbrauchs mithalten können. Hinweis: Siehe auch der frequencia-Flyer "Internet mit 5G-Booster: Klimaziele ade!"

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